Naturschutz und ländliche Entwicklung 2007-2013 in Deutschland

Die Umsetzung von ELER* bietet die besondere Chance, Großschutzgebiete und vergleichbar betreute große Natura-2000-Gebiete o.ä. viel stärker als bisher mit Leader+ und anderen integrativen Ansätzen der ländlichen Entwicklung zu verknüpfen.

Hierfür sollte bei der Umsetzung von ELER in den ländlichen Entwicklungsprogrammen der Länder ein Schwerpunkt durch die Verknüpfung der LEADER-Achse mit Natura 2000 und Großschutzgebieten gebildet werden. Gleichzeitig sollten die Fördertatbestände aus der 2. und 3. Achse des ELER zielgerichteter miteinander verbunden werden. So könnte eine höhere Effektivität beim Einsatz der knappen Ressourcen zum Nutzen von Regionalentwicklung und Naturschutz und zugleich eine bessere Akzeptanz für Natura 2000 erreicht werden.

Die Integration von Naturschutz und ländlicher Entwicklung schafft Synergien

Der moderne Ansatz einer nachhaltigen und damit naturverträglichen Entwicklung erfordert ein sektorübergreifendes und kooperatives Zusammenwirken aller Bereiche. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass sich die Integration und Vernetzung der Ziele des Naturschutzes mit denen der Bereiche Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei, Tourismus, Bildung, Verkehr, Arbeitsmarkt etc. positiv für die regionale wirtschaftliche Entwicklung und den Naturschutz auswirken. Dies betrifft insbesondere die Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen und deren Akzeptanz und Finanzierbarkeit.

Um das vom EU-Ratsgipfel in Göteborg gesetzte Ziel, nämlich das Anhalten des Biodiversitätsverlustes bis 2010 zu erreichen, bedarf es über einen finanziell verstärkten Mitteleinsatz hinaus (z.B. für Managementplanung, Durchführung, Betreuung, Monitoring- und Berichtsaufgaben) vor allem eines besseren Rückhalts von Naturschutzmaßnahmen, insbesondere für Natura 2000, in der Bevölkerung. Eine hohe Akzeptanz ist Voraussetzung dafür, dass Bürger, Flächeneigentümer- und – nutzer, regionale Akteure und in der Folge auch die politischen Vertreter der Landkreise, Länder und des Bundes den betreffenden Maßnahmen einen angemessenen, d.h. höheren Stellenwert als bisher einräumen.

Großschutzgebiete sind Modellregionen für die In-Wert-Setzung von Natur- und Kulturraumpotenzialen

Mit den Großschutzgebieten verfügt der Naturschutz über einen vorbildlichen Ansatz, um Naturschutz optimal in die Entwicklung der ländlichen Räume zu integrieren und vielfältige Synergieeffekte zu erzielen („Leuchttürme“):

Naturparke, Biosphärenreservate und Nationalparke dienen entsprechend ihren Aufgabenbeschreibungen im Bundesnaturschutzgesetz der Erhaltung und Entwicklung der besonders wertvollen Kultur- und Naturlandschaften in Deutschland. Die drei unterschiedlichen Kategorien der Großschutzgebiete sind durch folgende gemeinsame Eigenschaften bzw. Strategien gekennzeichnet:

  • bedeutender Anteil gefährdeter Lebensräume und Arten und überdurchschnittlich hoher Anteil am Natura-2000-System,
  • hohe kulturlandschaftliche Biodiversität durch extensive Landnutzungsformen, somit dem Nachhaltigkeitsgedanken besonders verpflichtet (gilt wegen des Prozessschutzzieles für Nationalparke nur eingeschränkt),
  • hervorragende Voraussetzungen für Naturerlebnis, Erholung, Umweltbildung und Forschung auf hohem Niveau,
  • positives Image und attraktive Angebote als wesentlicher Beitrag für die Tourismuswirtschaft,
  • Aufbau nachhaltig funktionierender Netzwerke als Beitrag zu einer Regionalentwicklung in strukturschwachen ländlichen Gebieten,
  • zeitgemäße Beteiligungsprozesse und partnerschaftliche Modelle als Voraussetzung für hohe Identifikation und Konsensbildung in der Bevölkerung (z.B. durch Naturparkpläne, Rahmenkonzepte für Biosphärenreservate)

Gute Umsetzungsbeispiele für eine positive Wertschöpfung im Zusammenhang mit Großschutzgebieten sind Besucherinformationszentren, Besucherbetreuung vor Ort durch Ranger, Projekte zum Erhalt alter Sorten und Rassen, die Vermarktung regionaler und umweltverträglich erzeugter Produkte (Stichwort: Ökolandbau), Formen nachhaltiger Waldbewirtschaftung (Stichwort: FSC), Landschaftspflege durch örtliche Landwirte oder Landschaftspflegeverbände, die Aktion „Fahrtziel Natur“, der „Naturathlon2004“ das Konzept „Jobmotor Biosphäre“, Wellness-Angebote, u.v.a.m..

Der Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung der ländlichen Räume (ELER-VO): zweite und dritte Achse der ELER-VO verknüpfen Großschutzgebiete, aber auch vergleichbar betreute großräumige Natura-2000-Gebiete oder Naturschutzgroßprojekte sind bereits Modellregionen für nachhaltiges Wirtschaften in ländlichen Räumen. Ihre Strukturen und strategischen Ressourcen können dann optimal ausgeschöpft werden, wenn die entsprechenden Politiken von EU, Bund und Ländern gezielt aufeinander ausgerichtet werden und entsprechenden Finanzmittel zur Verfügung stehen.

Dem ELER kommt hierbei, neben den anderen Fonds (EFF*, EFRE*, ESF*, LIFE+), eine zentrale Rolle zu. Der ELER ist in die drei Schwerpunktachsen untergliedert:

  1. Achse: Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Land- und Forstwirtschaft
  2. Achse: Landmanagement
  3. Achse: Diversifizierung der ländlichen Wirtschaft und Lebensqualität im ländlichen Raum

Das Gros der Finanzierung für die direkten Naturschutzmaßnahmen wird durch die 2. Achse des ELER bereitgestellt werden, nämlich durch die (möglichen) Natura-2000-Ausgleichszahlungen sowie die (obligatorischen) Agrarumweltmaßahmen, jeweils für landwirtschaftliche und forstliche Flächen. Diese Fördertatbestände der 2. Achse gilt es optimal mit den Fördertatbeständen der 3. Achse zu verknüpfen, um die beschriebenen Synergieeffekte von Naturschutz und integrierter ländlicher Entwicklung zu erreichen. Die 3. Achse zielt u. a. besonders ab auf:

  • Förderung des Fremdenverkehrs (Art.52)
  • Schutz, Aufwertung und Bewirtschaftung des natürlichen Erbes (Art. 53)
  • Dorferneuerung und –entwicklung sowie Schutz und Erhaltung des ländlichen Erbes (Art. 55).

Wichtig ist es deshalb, dass in den Bundesländern auch eine entsprechend gute Ausstattung der Achse 3 mit Mitteln erfolgt. Denn hier können zahlreiche Maßnahmen durchgeführt werden, die auf eine In-Wert-Setzung von Natur- und Kulturraumpotenzialen sowie auf Arbeitsplatzeffekte abzielen und dadurch auch die Akzeptanz für den Naturschutz deutlich fördern können.

Großschutzgebiete und Natura 2000 als Schwerpunkt für die LEADER-Achse

Im Rahmen der ländlichen Entwicklung hat sich die LEADER-Strategie als erfolgreich erwiesen und eine hohe Akzeptanz erworben. Für die neue Förderperiode wird Leader in den ELER integriert und soll an den nationalen bzw. Länderbudgets jeweils mindestens 7 % Anteil erhalten. Unter der bewährten Leader-Strategie werden dann Maßnahmen aus allen drei ELER-Achsen durchführbar sein. Es ist aber zu erwarten, dass unter Leader vor allem Maßnahmen der Achse 3, weniger aus der Achse 2 und am wenigsten aus der Achse 1 verwirklicht werden. Denn die Fördertatbestände der Achsen eignen sich unterschiedlich gut für bottom-up-Prozesse und können unterschiedlich gut in lokalen bzw. regionalen Entwicklungskonzepten gebündelt werden.

Die Einbindung der regionalen Akteure jeweils in einer Lokalen Aktionsgruppe (LAG) und im Rahmen eines von dieser LAG gemeinsam getragenen Entwicklungskonzeptes kann auch vorteilhaft für die Umsetzung bestimmter Ziele und Projekte des Naturschutzes wie NATURA 2000 eingesetzt werden, u. a. weil die Beteiligung Akzeptanz schafft.

Die für Großschutzgebiete und für Leader dargestellten positiven Ansätze sind in Deutschland dort besonders erfolgreich, wo sie eng zusammen wirken, z.B. indem eine LAG bewusst ein Großschutzgebiet ins Zentrum ihrer LEADER-Region stellt und dessen Ziele inhaltlich unterstützt.

Dem Bund und den Ländern wird daher empfohlen, einen Schwerpunkt auf LEADER in Großschutzgebiete und vergleichbare Natrura 2000 Gebiete zu legen Der LEADER-Ansatz sollte auch durch eine entsprechende Mittelausstattung gestärkt werden, um die Fördertatbestände aus der 2. und 3. Achse des ELER zielgerichteter miteinander zu verbinden.

Eine solche regionale Schwerpunktsetzung ermöglicht optimal die Integration von Naturschutz in die Regionalentwicklung, die Verknüpfung der ELER-Achsen 2 und 3 sowie die Förderung der Akzeptanz und Umsetzung von NATURA 2000. Darüber hinaus dient sie einem effektiveren Fördermitteleinsatz und vermag Abwanderungstendenzen zu mildern. Schließlich trägt sie dem einschlägigen Urteil des Bundesrechnungshofes zur regionalen Schwerpunktsetzung zur Konzentration der Mittel Rechnung und sie verspricht dadurch eine gute Ausgangsposition für die Zuteilung der leistungsgebundenen Reserve bei LEADER+ (weitere 3% des Budgets).

Auch andere, mit der Leader+ – Philosophie vergleichbare Programme sollten in diese Überlegungen einbezogen werden. In der Vergangenheit war dies z. B die Initiative „Regionen aktiv“; zukünftig wären ggf. auch integrierte Entwicklungskonzeptionen im Rahmen einer neu ausgerichteten GAK dafür geeignet.

EUROPARC Deutschland / Verband Deutscher Naturparke, 31.5.2005

Dieses Strategiepapier wird mitgetragen durch: WWF, EURONATUR

Abkürzungen:
* ELER = Europäischer Landwirtschaftsfond für die Entwicklung des ländlichen Raums
EFF = Europäischer Fischereifond
EFRE = Europäischer Fond für Regionalentwicklung
ESF = Europäischer Sozialfond
LIFE+ = Finanzierungsinstrument für die Umwelt (LIFE+)

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